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Deutschlands Analphabeten



Ein Poststelle im ländlichen Ägypten. Aus der Wüste weht ein kühler Wind; Männer in ihrer Gallabiyah, das Tuch um den Kopf gewickelt, stehen fröstelnd im Halbkreis draussen vor dem Postbüro. Ein Vorleser mit einer Zeitung in der Hand verliest die Nachrichten; die Männer hören interessiert zu. Analphabeten. Sie wissen nicht, wo bei einer Zeitung oben und unten ist. Wenn Sie einen Brief oder einen amtlichen Bescheid bekommen, müssen sie den Vorleser diskret in eine Ecke bitten.

Deutschland. Die Hälfte der 82 Millionen Deutschen hat 2004 keinen Zugang zum Internet. Weder zuhause, noch bei der Arbeit. Sie können keine Email erhalten oder abschicken; sie können kein Internet-Journal lesen, sie können das Internet nicht als Wissens- und Fortbildungsquelle nutzen. Sie sind vom direkten Zugang zur modernen Informationswelt ausgeschlossen wie die Analphabeten in Ägypten.

Bedauern sie das?

Nein.

Viele sind sogar stolz darauf, auf diesen modernen Kram verzichten zu können.

Die ältere Sekretärin, die nicht bereit war, sich von der Schreibmaschine auf Textverarbeitung umschulen zu lassen. Der gehobene Angestellte von 45 Jahren, der erklärt, in seinem Alter brauche er dieses Zeug nicht mehr zu lernen. Die 19-jährige Praktikantin, die zwar Computerspiele beherrscht und auch im Internet chattet, aber sich weigert, Büroprogramme wie Excel oder Powerpoint zu lernen.

Millionen, die zwar am Arbeitsplatz einen Computer benutzen müssen, um Briefe, Texte und Rechnungen zu schreiben, Einnahmen und Ausgaben zu verbuchen oder Inventurbestände zu kontrollieren, sind vom Internet ausgeschlossen.

Millionen, die zwar gerne mal privat das Internet ansehen und Email empfangen würden, aber nie tippen gelernt haben. Millionen, die Angst vor komplizierter Technologie und unverständlichen englischen Ausdrücken haben. Millionen, die kein Geld für einen Computer ausgeben wollen, den sie vielleicht nicht zu benutzen verstehen; der nur herumsteht und verstaubt. Angst, sich zu blamieren.

Jeder zweite Deutsche ist ein Internet-Analphabet. Frauen noch öfter als Männer. In Europa sind nur 42 Prozent der Internet-Nutzer Frauen, in den USA 51 Prozent.

Ist Internet-Analphabetentum schlimm?

Leider ja.

Deutschland beklagt fast 5 Millionen Arbeitslose und wundert sich, dass weitere Arbeitsplätze trotz Exportboom gestrichen oder exportiert werden. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Viele deutsche Arbeitskräfte sind, was ihre Arbeitskosten anlangt, im internationalen Vergleich unterqualifiziert. Um ihr derzeitiges Einkommen und die dazu anfallenden Nebenkosten zu rechtfertigen, müssten sie auf dem Arbeitsmarkt eine höhere Qualifikation anbieten können. Wenn sie das nicht können, werden sie nicht oder nicht mehr nachgefragt.

Vertrautheit mit den Grundprinzipien der Informationstechnologie und dem Internet ist ein Indiz für die Bereitschaft eines Menschen, sich weiterzubilden, mit der Zeit Schritt zu halten, und seinen Wert für den Arbeitsmarkt zu steigern.

Da aber schneiden die Deutschen schlecht ab.

1996 hatte Deutschland nicht den schlechtesten Start in die Ära der globalen Datenverbunde. Mit der Zahl von 22 Netzwerken pro Million der Bevölkerung lag Deutschland international auf dem sechsten Platz. Kanada führte damals mit 196 Netzwerken pro Million.

Der Start ins Internet war langsam und stark behindert durch Deutschlands damaligen Volksfeind Nummer Eins, die Deutsche Telekom mit ihren exorbitanten Verbindungsgebühren. 1998 lag Deutschland mit 8,75 Internetbenutzern pro 100 der Bevölkerung auf dem 16. Platz. Finnland führte mit 30,22 Nutzern.

Im Jahre 2004 liegt Deutschland trotz der erfolgten Verbilligung der Verbindungskosten nur mehr auf dem 18. Platz in der internationalen Wertung mit 41,9 Millionen mit Zugang zum Internet in einer Bevölkerung von 82,4 Millionen. Damit liegt die Bundesrepublik hinter Israel, Oesterreich und Hong Kong, doch knapp vor Slowenien.

Führend ist Island, wo 99 Prozent der Bevölkerung Zugang zum Internet hat.

Auf den Plätzen folgen die anderen Skandinavier, Südkorea, Australien, Neuseeland, Singapur, Japan, die Niederlande, die Schweiz und Großbritannien. Die USA und Kanada liegen im Mittelfeld.

Angesichts des wachsenden Rückstands der Deutschen in der Internet-Nutzung verwundert nicht, dass auch die Ziffern des Anteils am globalen Internethandel bescheiden sind. Die Bundesrepublik bringt es 2004 auf einen E-Commerce-Umsatz von 387 Millionen Dollar, was 5,7 Prozent des diesbezüglichen Welt-Umsatzes und 6,5 Prozent des gesamten deutschen Handels ausmacht. In Australien und Südkorea läuft bereits 16 Prozent des nationalen Handels über das Internet; mit 13,3 Prozent des gesamten Handels erzielen die USA knapp die Hälfte des weltweiten E-Umsatzes.

Auch wenn man genauer hinschaut, wird Deutschlands Rolle nicht besser.

Wieviele der 42 Millionen, die angeblich Zugang zum Internet haben, nutzen es wirklich? Mangels konkreter Zahlen ist man auf grobe, individuelle Schaetzungen angewiesen. Zwanzig Millionen vielleicht, sagt ein Beobachter. Nein, noch weniger, meint ein anderer. Die Zahl der Ebay-Nutzer ist ein Anhaltspunkt; die Statistiken der E-Mail-Provider helfen nicht, weil viele Nutzer mehrere E-Mail-Adressen unterhaltne.

Methoden, die versuchen, die Kenntnisgewinnung aus dem Internet von bloßem Email-Verkehr zu trennen, ergaben, dass im internationalen Vergleich Deutschland zusammen mit Italien, Frankreich, Japan, Spanien, Kanada und Brasilien wenig Interesse am Transfer von Wissen zeigt.

Angesichts dieser betrüblichen Statistiken wundert es, was für Erfolgsmeldungen die deutsche Bundesregierung publiziert:

With around 85 websites per 1000 inhabitants Germany leads the world in per capita Internet use. As of this year more than half of the people living in Germany have an online connection.” (Germany online: A report on the action program "Information Society Germany 2006")

Eine Fachseite meint: “One should always be cautious when reading news stories based on quotes from government agencies - sometimes government agencies have been known to exaggerate figures in order to make their nation appear to be in a better position than may be the complete truth.”

Man muss leider Spekulationen darüber anstellen, warum die Deutschen (und einige andere Kontinentaleuropäer) so wenig Neigung zeigen, sich in die moderne Informationsgesellschaft einzufügen. An den Kosten kann es nicht liegen, denn Computer sind billig geworden und die Verbindungskosten sind dramatisch gesunken.

In Amerika ist der Fall einfach. Es gilt als amerikanisch, fortschrittlich und technikfreundlich, Informationstechnologie zu erlernen und zu nutzen. Für Kind wie Großmutter ist das Internet ein wichtiges, ja unentbehrliches, Werkzeug für Kommunikation, Information und Spiel. Selbst mangelhafte Beherrschung der englischen Sprache dämpft die Begeisterung für das Internet nicht, wie Millionen Emails und Chatrooms beweisen. So groß ist die Willigkeit, Zeit und Aufwand in computer literacy zu investieren, dass sich selbst die schwierigsten und Nutzer-feindlichsten Software-Programme in Amerika durchsetzen konnten. Ohne die Leidenswilligkeit amerikanischer User, die mitunter an Masochismus gemahnt, hätte manche notorisch schlecht programmierte Software keinen weltweiten Erfolg erringen können.

In Deutschland ist eine latente Technikfeindlichkeit in Kombination mit Anti-Globalisierungstendenzen und wohl auch schlichter Faulheit zu beklagen. Es gibt keine Entschuldigung mehr: die Deutschen müssen sich endlich mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts befassen, ob es ihnen passt oder nicht.

Andernfalls ist weiterer wirtschaftlicher und sozialer Abstieg vorprogrammiert.

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—— Heinrich von Loesch